Offene Zweierbeziehung

Kammerspiele Wiesbaden

Komödie von Franca Rame und Dario Fo

Premiere am 1. Dezember 2017

 

Von Julia Anderton

Kniebeugen an der Käsetheke – „Offene Zweierbeziehung“ feiert in den Kammerspiele Wiesbaden Premiere

WIESBADEN – Viel falsch machen kann man mit einer Liebeserklärung nicht. Sollte man zumindest meinen. Doch Antonias Mann gelingt es verlässlich, in ihr auf diese Weise binnen Minuten Suizidgedanken zu wecken: Er verehrt sie, aber ins Bett will er bitteschön nicht mit ihr. Dafür gibt es andere Damen. Sie wiederum stellt für ihn einen sicheren Hafen dar – so wie seine Mutter. Bitte was? „Ich will aufs Bett geworfen und begehrt werden“, insistiert Antonia. Also wird gejammert, gestampft und geschluchzt, theatralisch zu Pistole und Tablettendöschen gegriffen (wir sind schließlich in Italien, dem Land der großen Gefühle, wie die versiert zur Untermalung gewählten Schlager verraten), während der treulose Ehemann routiniert zum dritten Mal in einem Monat den Rettungswagen anfordert, woraufhin das Spielchen ein paar Wochen später aufs Neue beginnen kann.

Nein, Antonia hat es in Dario Fos retrospektiv erzählter Komödie „Offene Zweierbeziehung“, die in den Kammerspielen in der kurzweiligen Inszenierung von Klaus-Dieter Köhler Premiere feierte, wahrlich nicht leicht mit ihrem uneinsichtigen Weiberhelden. Gregor Michael Schober verkörpert ihn glaubhaft als in die Jahre gekommenen Italo-Lover inklusive dekorativem Goldkettchen über dem Brusthaar. Mal manipulativ, dann treuherzig blinzelt er betont spitzbübisch die verzweifelte Gemahlin an, als hätte der Aufriss, den sie angesichts seiner Eskapaden veranstaltet, nichts mit ihm zu tun – allein das Gezeter nervt. Rücksichtslos treibt er die Öffnung der Beziehung voran und geht munter ans Werk, während Antonia mit Depressionen kämpft.

 

Vom verkrampften Weibchen zur selbstbewussten Singlefrau

Lesley Jennifer Higl kostet Antonias emotionale Achterbahn in vollen Zügen aus. Sie tobt, wütet, schluchzt und tanzt, verliert jedoch in keinem Moment den subtilen Anspruch ihres Spiels aus den Augen, das so hinlänglich Platz für die Wandlung vom verkrampften Weibchen zur selbstbewussten Singlefrau im knappen Dress aus schwarzer Spitze (Kostüme und Bühne: Lena Facette) lässt. Das Trainingsprogramm aus Kniebeugen an der Käsetheke und masochistischen Jogging-Exzessen plus Einsatz im Job und bei der Flüchtlingshilfe machen Kopf und Herz frei. Und so kommt es, wie es kommen muss: Antonia findet ein neues Herzblatt und kommt für den Rest des Abends aus dem demonstrativ mädchenhaften Kichern gar nicht mehr heraus. Schober passt sich den geänderten Kräfteverhältnissen schnell an und gerät als selbstgerechter Gockel angesichts dieser unerwarteten Entwicklung ins Schwimmen, der sich nichts sehnlicher zurückwünscht, als „die alte verzweifelte Antonia, die jeden Donnerstag aus dem Fenster springen will“. Wenn Zwei das Gleiche tun, ist es eben noch lange nicht Dasselbe…

„Offene Zweierbeziehung“ ist eine rasante Farce, die flankiert von der pointierten Regie durch das exakt aufeinander abgestimmte authentische Spiel seiner zwei Darsteller besticht und dabei durch situativen und sprachlichen Witz zahlreiche Gelegenheiten zum Lachen bietet. Ob tatsächlich jede Tanzeinlage sein muss, ist Geschmackssache, einen amüsanten Höhepunkt stellt indes der in Form einer Playback-Oper versuchte Eifersuchtsmord per Schal dar, die langen Applaus nach sich zieht.

 

Worum geht’s?

Die Luft ist raus aus der Ehe von Antonia und ihrem Gatten. Sie leidet extrem unter seinen außerehelichen Affären. Doch dann dreht sich das Blatt: Antonia lernt einen interessanten und deutlich jüngeren Mann kennen und verliebt sich ernsthaft. Und plötzlich dreht ihr eben noch völlig desinteressierter Ehemann vor Eifersucht durch…

 

Text: Allgemeine Zeitung – Rhein Main Presse
Bildquelle: Kammerspiele Wiesbaden

 


 

Galerie