• Klaus-Dieter Köhler (Kade) Wir sind die Neuen Kritik

Kritik zu „Wir sind die Neuen“

Jugend am Rande des Nervenzusammenbruchs

Klaus-Dieter Köhler inszeniert „Wir sind die Neuen“ nach Ralf Westhoffs Kinokomödie an an der Esslinger Landesbühne.

ESSLINGEN Die machen keine Kehrwoche, weil sie „kein sauberes Treppenhaus“ putzen wollen. Sie füttern ihre dröhnende HiFi-Anlage mit David Bowies „Heroes“ und poltern ungeniert durchs Haus, wenn sie von der nächtlichen Kneipentour heimkommen. Die Rede ist vom Trio infernale Anne, Eddi und Johannes: lebenslustige Single-Rentner, die nach 30 Jahren ihre alten WG-Zeiten wieder aufleben lassen wollen: weil’s „lustiger“ ist und „billiger“. Aber ihre Anwesenheit macht der jungen, dynamischen und pflichtbewussten Studenten-WG im Stock über ihnen das Leben zur Hölle. Die hatten „mit ruhigeren Nachbarn gerechnet“ in dieser „total sensiblen Zeit“ bevorstehender Prüfungen. Jugend am Rande des Nervenzusammenbruchs!

An der Esslinger Landesbühne (WLB) hatte jetzt im Podium I „Wir sind die Neuen“ Premiere, ein Stück nach Ralf Westhoffs gleichnamiger Kinokomödie von 2014 in einer Bühnenfassung von Jürgen Popig, die Regisseur Klaus-Dieter Köhler in Szene gesetzt hat. Die Idee vom komödiantischen Clash der Generationen, wo sich alle Klischees umdrehen, ist wirklich gut und durch die pointenreichen Dialoge durchaus geeigneter Stoff für die Bühne.

Alle Klischees? Nein, Wählscheibentelefon und LPs gegen Smartphone, Spotify und Laptop bleiben altersgerecht zugeordnet. Aber das machen die Jungen den Alten gleich klar: Helfen – „mal was Schweres tragen, mal was aus der Apotheke holen, mal was im Handymenü erklären“ – is’ nicht! Dafür haben die Studis keine Kapazitäten frei. Und Feiern is’ auch nicht: Um die Alten daran zu hindern, wird mit Besenstielen auf den Boden gehämmert. Dumm nur, dass die burnout-gefährdeten Spießer selbst bald Hilfe brauchen – und die friedfertigen Ex-Langzeitstudenten nun den Jungen unter die Arme greifen müssen.

Der sozial engagierte, dadurch in der Altersarmut gelandete Rechtsanwalt Johannes (Lothar Bobbe) hilft der Jura-Studentin Katharina (Barbara Dussler), die ansonsten Dominanz verstrahlt und zu cholerischen Ausbrüchen neigt, in den Wust der Gesetzestexte Ordnung hineinzubekommen. Der melancholische Ex-Frauenheld Eddi (Achim Hall) gibt der Heulsuse und Kunstgeschichtsstudentin Barbara (Sofie Alice Miller) Tipps in Sachen Liebeskummer, nachdem die sich wimmernd mit ihrem Stoffhasen unter ihrer Bettdecke verkrochen hat. Und die hyperschlagfertige Schleiereulen-Aktivistin Anne (Gesine Hannemann) zeigt dem rückenlahmen Jurastudenten Thorsten (Felix Jeiter) zwecks Heilung Yogaübungen und kauft im Supermarkt ein. So kommt man sich mehr und mehr näher bis zur finalen gemeinsamen Party, und die gestressten Jungspießer werden lockerer, während die Old-School-Rentner vom digitalen Know-How profitieren: Johannes zumindest beginnt eine Internetkarriere als Rechte-Erklärer.

Der Abend ist solide gespielt – alle Sechse könnten in den nächsten Aufführungen aber noch ein bisschen aufdrehen. Für die beengte Bühne des Podiums hat sich Ausstatterin Susanne Kudielka eine Notlösung ausgedacht: ein großes, graues Sofa, das fast die ganze Bühnenbreite ausfüllt. Freilich will der Mehrsitzer nicht so recht zum Interieur der ansonsten auf Sperrmüll-Charme setzenden Alt-68er passen. Links werden die WG-Szenen der Jungen gespielt, rechts die der Alten. Über die Lifttür dahinter werden die Etagenwechsel im Haus angedeutet. Auch wenn man sich gelegentlich im Weg steht: Gut gelingen die schnellen Szenenwechsel, die zudem durch flotte Hits von Anno dazumal und von heute gewürzt werden.

Auch wenn die Sympathie des Autors etwas zu deutlich auf Seiten des Rentner-Trios liegt: Der Abend unterhält durch seine witzigen Pointen. Und die machen auch die wortgewandten Alten gelegentlich mal mundtot, etwa wenn Thorsten kontert: „Wenn ihr früher ein bisschen flotter gewesen wäret, müssten wir jetzt nicht über Studiengebühren diskutieren.“

Die nächsten Vorstellungen: 28. März, 14. und 29. April, 9. und 20. Mai 2018.

 

Foto: Björn Klein
Quelle: esslinger Zeitung