• Klaus-Dieter Köhler Theaterregisseur Wiesbadener Revue

Kritik zur Revue „Casino Totale“

Revue „Casino Totale“ lässt Wiesbadener Persönlichkeiten wiederaufleben

Von Julia Anderton

WIESBADEN Wiesbaden hat nicht nur Persönlichkeit, sondern vor allem eine Menge Persönlichkeiten. Die aktuellen kennt man, vielleicht auch noch die Namen, die vor dreißig Jahren interessant waren. Doch es gibt so viel mehr Einheimische und Besucher, die in den vergangenen hundert Jahren ihre Spuren hinterlassen haben. In „Casino Totale – Die ultimative Wiesbaden-Stadtrevue“, die ihre Uraufführung im großen Saal der Casino-Gesellschaft in der Regie von Klaus-Dieter Köhler in Anwesenheit von Oberbürgermeister Sven Gerich und Kulturdezernent Axel Imholz feierte, gab es ein Wiedersehen vornehmlich musikalischer Natur (schmissig unterstützt von Pianist Malte Kühn): Ein junger Mann aus dem heutigen Berlin (Pascal Fey) landet per Hypnose in Wiesbaden anno 1913 (Ausstattung: Lena Dinse) und macht sich sogleich auf die Suche nach der legendären Spielbank. Die findet er zwar nicht, dafür kommt es zu zahlreichen interessanten Begegnungen zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder-Ära bis heute: ein Hauptmann aus dem Ersten Weltkrieg, Alexej von Jawlensky samt Modell, Lieselotte aus Sonnenberg, der Knoblauchkönig, Autor James Joyce (der auf der Suche nach Augenarzt Dr. Pagenstecher versehentlich bei Dr. Mabuse landet) samt Gattin Nora Barnacle, Detektiv Matula und viele weitere Charaktere geben sich, verkörpert durch Sopranistin Sabine Gramenz und Schauspieler Klaus Brantzen, die Ehre und plaudern aus dem mehr oder weniger authentischen Nähkästchen. Dazu wird gesungen, was das Zeug hält – auch im Publikum.

Unzählige als Medleys zusammengefassten Schlager wie „Ich hab das Fräulein Helen baden seh’n“, „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Was macht der Maier am Himalaya?“ machen Spaß, haben letztlich jedoch als austauschbare Nummernfolge wenig mit Wiesbaden zu tun. Ihren Charme entfalten hingegen die Einzeltitel wie „Kriminaltango“ oder „Die Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“ (die sich schlussendlich als Elfriede aus dem Nerotal entpuppt) in voller Länge, die nicht nur den Wiesbaden-Bezug setzen, sondern auch mit dramaturgischem Pfiff konzipiert sind.

 

Bundestrainer Helmut Schön und Elvis-Schwiegervater

Als komödiantische Höhepunkte des Abends stechen die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Fußballspieler und Bundestrainer Helmut Schön durch einen infolge eines Duetts mit Opernsängerin Liane Synek überforderten Oberbürgermeisters und das Zwiegespräch des grantelnden künftigen Elvis-Schwiegervaters mit seiner Putzfrau inklusive der launigen Hessisch-Fassung von „Love me tender“ hervor. Auch der knurrige Film-Regisseur, der von Schlöndorff und ZDF nichts wissen will und lieber auf Rosen-Resli und den Weißen Flieder setzt, ist ein schönes Kabinettstückchen.

Sopranistin Sabine Gramenz beweist durch die überzeugenden Wechsel von zart liebendem Mädchen zu Femme Fatale und gestresster Seniorin, dass sie weit mehr als zauberhaft singen kann. Klaus Branztens schauspielerische Wandlungsfähigkeit in Kombination mit seinem sicheren Bariton trägt den größten Anteil am Erfolg des Abends, wie nicht zuletzt seine feinsinnige Darstellung des Sohns eines am Schlachthof deportierten jüdischen Arztes beweist. Gleichwohl täte ein stärkerer roter Faden als die gelegentlichen Auftritte des verwirrten Zeitreisenden der Inszenierung gut. Ebenso kämen häufigere dezente Hinweise in den stadtgeschichtlichen oder personenbezogenen Kontext dem jüngeren Publikum zugute, wie die Reaktionen im Publikum offenbaren. Dass die Revue zweifelsohne ankommt, zeigten der lange Applaus und Bravo-Rufe bei der Premiere.

 


 

Wiesbaden-Revue: „Casino Totale“ möchte mit Stadtgeschichte unterhalten

Von Volker Milch

WIESBADEN Es ist ein Kreuz mit diesem Saal, der doch eigentlich so schön ist. Vielleicht sogar der schönste Saal der Landeshauptstadt. Wenn man sagt, „ich gehe in den Casino-Saal“, denken Ortsfremde wahrscheinlich, man sei auf dem Weg zum Roulette. Sagt man aber ganz korrekt, „ich gehe in den Herzog-Friedrich-August-Saal der Casino-Gesellschaft“, ist der Gesprächspartner womöglich eingeschlafen, bevor man beim letzten „t“ angekommen ist. Das klingt ganz schrecklich altbacken nach Zipfelmützen im nassauischen Residenzstädtchen.

 

„Kleines Revuetheater“ von Sabine Gramenz

Wenn sich am Samstag, 28. April, in der Friedrichstraße 22, wo die honorige Casino-Gesellschaft residiert und ihren Saal für allerlei Veranstaltungen öffnet, zum ersten Mal der Vorhang zu „Casino Totale“ hebt, der „ultimativen Wiesbaden-Stadtrevue Teil 1“, dann wird man eine ähnliche Situation antreffen. Der Ausgangspunkt der Revue, verrät Klaus-Dieter Köhler, ihr Autor und Regisseur, ist nämlich der Irrtum eines jungen Mannes, der eigentlich ins Spielcasino will – aber bei der traditionsreichen, „Kultur, Geschichte und Geselligkeit“ verpflichteten Gesellschaft landet. So steht es schon auf dem Einband der Festschrift, die zur 200-Jahr-Feier 2016 erschienen ist.

Auf die Idee einer „Wiesbaden-Revue“ ist ebendiese Casino-Gesellschaft im Kontext des Jubiläums gekommen. Die Gesellschaft konnte dann den Verein „Kleines Revuetheater“ von Sabine Gramenz und Malte Kühn für die Realisierung gewinnen. Der Verein wiederum beauftragte den Regisseur Klaus-Dieter Köhler, der selbst seit 1974 reichlich Wiesbaden-Erfahrung gesammelt hat und häufig Komödiantisches an den hiesigen Kammerspielen inszeniert, mit Buch und Regie.

 

„Man landet erst mal in den 20er Jahren“

„Man landet erst mal in den 20er Jahren“, sagt Köhler über das Programm, das von 1913 bis in die Gegenwart reicht und dabei durchaus dichterische Freiheit beansprucht: „Nicht alles ist historisch.“ Dem ersten Teil der „Stadtrevue“ könnte ein zweiter Teil folgen, der das 19. Jahrhundert abdeckt. „Die Revue soll vor allem unterhalten und kein belehrender Vortrag sein“, betont Sabine Gramenz. Aber auch „Berührendes“, findet Köhler, dürfe seinen Platz haben. Und Bedrückendes: Zur Stadtgeschichte gehört ein Besuch des Pazifisten Kurt Tucholsky, der von lautstarken Nazi-Protesten auf der Friedrichstraße begleitet war.

Die Arrangements der Chansons und Lieder werden teilweise von Malte Kühn, dem Mann am Klavier, selbst kommen. „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ ist natürlich ein Pflichtstück – schließlich wurde der gleichnamige Heimatfilm von 1953 mit Willy Fritsch, Magda Schneider und der jungen Romy in Wiesbaden und Umgebung gedreht. Franz Doelles Flieder-Lied war aber schon lange vor dem Film beliebt: Der musikalische Schwerpunkt der Revue sollen überhaupt Schlager der 20er und 30er Jahre sein. „Ganz früher Schönberg“ sei ebenfalls vertreten, kündigt Malte Kühn schmunzelnd an. Und wenn der Sohn des langjährigen Wiesbadener Generalmusikdirektors Siegfried Köhler Regie führt, darf der Papa im musikalischen Programm natürlich nicht fehlen. Der beliebte Dirigent, der im vergangenen Jahr gestorben ist, führte ja ein „Doppelleben“ als Komponist der leichten beziehungsweise mittelschweren Muse, hat Musicals und Operetten verfasst.

Ein Frontaltheater ist im Herzog-Friedrich-August-Saal übrigens nicht zu erwarten. Die Bühne wird in der Mitte des Saals aufgebaut, das Publikum sitzt an Tischen drumherum. „Ich freue mich riesig auf die ersten Proben“, sagt Christine Rother von der Casino-Gesellschaft bei der Vorstellung der Revue-Idee. Und alle zusammen hoffen sicherlich, dass sich nicht allzu viele Besucher, die am 28. April in den Casino-Saal wollen, stattdessen ins Spielcasino verirren.

 

TERMINE

Wiederaufnahme 13. und 14. September
Internet: www.kleines-re vueheater-wiesbaden.de

 

Fotos: Werner Helbig
Quelle: WIESBADENER KURIER

 


 

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