Der Sittich

Konversationsstück von Audrey Schebat

Kammerspiele Wiesbaden

Ausstattung: Pia Oertel

Premiere 6. Februar 2023

 


 

Ein Mann und eine Frau sitzen vor dem Fernseher, der Tisch ist festlich gedeckt, die Kerzen brennen, man nascht von den Horsd’oeuvres – David und Catherine müssen ja gleich da sein. Da klingelt das Handy. David entschuldigt sich, sie könnten nicht kommen: Einbrecher seien bei ihnen eingestiegen und Catherine ist – merkwürdigerweise – auch noch nicht zu Hause. Während die Zuschauer ein Paar auf der Bühne beobachten, macht sich das andere Paar lediglich über Handy, Textnachrichten oder Anrufbeantworter bemerkbar.

Dennoch wird das Paar so sehr vom Verhalten des abwesenden Paares beeinflusst, dass ihre Beziehung plötzlich gnadenlos auf den Prüfstand gestellt wird. Dominiert zunächst noch das Mitleid mit den Beraubten, verlieren sich die beiden schnell in den wildesten Spekulationen – und am Ende ist nichts mehr so, wie es am Anfang war.

Das vielschichtige französischen Konversationsstück „Der Sittich“ ist ein fein konstruiertes Spiel über Bande und war bei seiner Uraufführung 2017 an den Pariser Boulevardtheatern ein großer Erfolg.

Mit feinem Gespür für den absurd komischen Alltag von Paarbeziehungen gewährt uns Audrey Schebat in Der Sittich einen intimen Blick hinter die Kulissen eines Ehestreits und stellt die konventionellen Rollenbilder genüsslich auf den Kopf. Ring frei für eine Paartherapie par excellence!

Deutsch von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand

 

Besetzung & Stab

Auf der Bühne:  Judith Speckmaier & Alessandro Nania Pacino
Regie: Klaus-Dieter Köhler
Assistenz: Yasmin Malina
Bühne/Kostüme: Pia Oertel
Technik: Georg Hartmann

 


Kritik

 

Kammerspiele Wiesbaden: Absurde Komik in „Der Sittich”

Ein Schlagabtausch im Goldenen Käfig – das erlebt ein Ehepaar in Audrey Schebats Komödie. Regisseur Klaus-Dieter Köhler macht daraus eine sehr unterhaltsame Paartherapie. Wiesbaden. Klassische Rollenteilung im Goldenen Käfig:  Er sitzt auf dem Sofa und klickt sich durch sein Handy oder zappt durchs Fernsehprogramm. Sie kümmert sich um den Braten im Ofen und deckt den Tisch. Ein Bild scheinbar friedlichen Ehelebens, das aber schon bald Risse bekommen soll. Denn die Gäste der beiden kommen nicht: Sein Kollege David ru“ an, um das Essen abzusagen, weil bei ihnen eingebrochen worden ist. Sehr merkwürdig: Gestohlen wurden dabei nur die Schätze von Davids Frau Catherine. Die kreuzt ohne Nachricht gar nicht erst zu der Einladung auf. Was machen die Gastgeber nun mit dem angebrochenen Abend? Man setzt sich aufs Sofa und redet. Über die Beziehung. Über das, was schiefläu!. Und das, was am Ende herauskommt, ist ein völlig anderes Bild.

Eine Komödie mit doppeltem Boden

Das ist die Gemengelage von Audrey Schebats Konversationsstück „Der Sittich“. Und das ist nur vordergründig eine Komödie: Dieses Beziehungsdrama hat einen doppelten Boden. Regisseur Klaus-Dieter Köhler arbeitet ihn in seiner neuen Inszenierung des 2017 in Paris uraufgeführten Stücks wunderbar heraus: An den Kammerspielen Wiesbaden wird man im Bühnenbild von Pia Oertel mit dem zentralen Sofa und einem gedeckten Tisch auf einer Seitenbühne Zeuge eines veritablen Rosenkriegs. Der entwickelt sich entlang von Mutmaßungen entlang der Ehe der fehlenden Gäste. Da wird spekuliert, was hinter dem ominösen Einbruch stecken könnte. Ihre Theorie: Catherine hat David verlassen – deshalb auch die ganzen „gestohlenen” Sachen von ihr. Über das vermeintliche Gefälle in der Ehe der beiden anderen geraten sie sich langsam aber sicher in die Haare. Denn während David das dicke Geld verdient, hat Catherine sich den Traum einer eigenen Vogelhandlung erfüllt. Was sich ja prompt von dem Chauvi auf dem Sofa in einer neuen Währung umrechnen lässt: „David verdient zehn Wellensittiche die Stunde.“

Immer neue Enthüllungen, immer neue Wendungen

Solche absurde Komik zieht sich durch den mit Pause knapp anderthalbstündigen Abend, der vor allem im zweiten Teil an Fahrt aufnimmt und von der leichten Hand des Regisseurs und dem präzisen Gespür für Timing, für Musik, für kleine, aber entscheidende Akzente profitiert. Und von einer guten Besetzung: Wie Judith Speckmaier und Allessandro Nania Pacino sich hier die Bälle zuwerfen, wie sie die Wendungen glaubha! überraschend in immer neuen Enthüllungen eskalieren lassen, wie sie um ihre Ehe ringen, das ist o! unterhaltsam, mitunter auch rührend und immer sehenswert. Besonders gegen Ende geht diese Inszenierung den Zuschauern unter die Haut, die den gelungenen Abend mit begeistertem Applaus quittieren. Ein Höhepunkt ist aber zuvor schon unbedingt eine von Audrey Schebat glänzend geschriebene Steilvorlage: Die auf Körperregionen übertragene These vom Unterschied zwischen Mann und Frau. Und das hat auch mit Nord und Süd, vor allem aber mit dem eingangs zitierten traditionellen Rollenverständnis zu tun. Aber auch das muss hier ordentlich Federn lassen. Man lernt also so einiges an diesem Abend in den Kammerspielen – auch, dass Sittiche angeblich 200 Wörter sprechen können. Das wollen wir dann bitteschön hier beim nächsten Mal erleben.“

Birgitta Lamparth  

 


Fotos: Christof Mattes